Gegenan auf der Nordsee

Die letzten Tage haben wir ganz schön was erlebt und ordentlich Strecke gemacht. Dabei hat sich uns die Nordsee ein wenig von ihrer rauen Seite gezeigt, und wir hatten gewisse Ausfälle zu verzeichnen. Jetzt sind sind wir in Holland und liegen sicher in Dokkum im Kanal und Tom kocht Abendessen.

Doch nun der Reihe nach:

Mein Bruder Tom ist am Mittwochabend aus Brüssel angereist, um Ahora und mich für einen Teil der Reise zu begleiten. Nach einem fröhlichen Wiedersehen unter Brüdern haben wir zunächst noch ein paar frische Lebensmittel eingekauft und uns dann zeitig schlafen gelegt.

Tom ist in Cuxhaven angekommen und wird Ahora und mich in den nächsten Wochen begleiten

Cuxhaven – Wangerooge

Am nächsten Tag klingelte dann der Wecker um halb 6, sodass wir pünktlich um 0600 durch die Brücke der City-Marina gehen konnten. Ich glaube, so hat sich Tom seinen „Urlaub“ nicht vorgestellt. Dabei war das erst der Anfang. Das frühe Aufstehen sollte uns auch in den nächsten Tagen begleiten.

Vor Sonnenaufgang geht es los in Cuxhaven…
…durch die Klappbrücke…
…und hinaus auf die Nordsee!

Mit Südwestwind konnten wir dann zunächst gut innerhalb der Fahrrinne segeln. Für einen Trip nach Helgoland wäre der Wind sogar perfekt gewesen, doch hatten wir uns angesichts der Wettervorhersage fürs Wochenende entschieden, so schnell wie möglich und auf direktem Wege nach Westen zu segeln. Nächster Stopp also: die ostfriesischen Inseln.

Nach einem kurzen Halt an der Bunkerstation (dort gibt es biofreien Schiffsdiesel) ging es dann hinaus auf die Nordsee. Das frühe Aufstehen hatte zwei Gründe: Erstens war in Cuxhaven gegen 0600 Hochwasser, das heißt, wir hatten bis zu drei Knoten Gezeitenstrom in der Elbmündung mit uns. Zweitens war für diesen Morgen Wind aus Südwest angesagt, der später Richtung Westen drehen sollte.

Kreuzen in der Waddensee
Trotz vereinzelter Regenschauer sind wir guter Dinge.

Nach einem schönen Schlag entlang der Fahrrinne und einigen Kreuzschlägen südlich des Verkehrstrennungsgebiets der Elbeeinfahrt entschieden wir uns gegen 1300 allerdings doch, die Maschine anzuwerfen. Wegen des Gegenstroms und des abflauenden Windes wären wir sonst nicht rechtzeitig zum Hochwasser um halb sechs am Seegatt von Spiekeroog gewesen. Denn das war eigentlich unser Tagesziel.

Das Motoren gegen die (wegen des flachen Wassers der Wesermündung doch recht steile) Welle sorgte leider bei Tom für die typischen Symptome der Seekrankheit, die er aber zum Glück ohne großes Gejammer über sich ergehen ließ. Die Nordseefische hatten jedenfalls ein leckeres zweites Frühstück.

Nach zweieinhalb Stunden Motoren mit relativ hoher Drehzahl gegen Wind und Strom bemerkte ich ungewöhnlich starke weiße Dampfschwaden aus dem Auspuff. Die Maschine an sich lief rund und die Temperatur war auch im „grünen Bereich“, doch zur Sicherheit entschied ich mich, die Genua zu setzen und anstatt nach Spiekerook schon nach Wangerooge „abzubiegen“. Durchs Seegatt konnten wir dann ohne Probleme motoren und machten gegen 1730 sicher im Hafen der Insel fest.

Eine Inspektion des Kühlwasserausgleichsbehälters und Konsultation von Michael Herrmann bzw. die Lektüre eines der exzellenten Artikel auf seiner Website gaben dann zum Glück zunächst Entwarnung für den Motor. Die Ursache ist höchstwahrscheinlich verdampfendes Kühlwasser im Auspuff. Das sollte zwar eigentlich auch nicht vorkommen, ist aber immerhin kein Notfall wie eine kaputte Zylinderkopfdichtung. Ich werde das in jedem Fall weiterhin im Auge behalten.

Logbuch schreiben und Routenplanung für die kommenden Tage

Zum Glück stand der Weiterfahrt jetzt nichts mehr im Wege. Der Plan war nämlich, vor dem Sturm, der für das Wochenende angekündigt war, in Holland auf der „Staande Mastroute“ zu sein. Ansonsten hätten wir nämlich auf den Inseln festgehangen. Je nach Hafen wäre das sicher äußerst ungemütlich geworden bei den angekündigten acht Windstärken. Außerdem hätten wir dann ziemlich viel Zeit verloren.

Wangerooge ist eine kleine aber feine Insel…
…allerdings ist es ein ganzes Ende vom Hafen bis ins Dorf.

Nach einem Spaziergang ins Inseldorf und einem reichaltigen Abendessen in einem der Restaurants fielen wir hundemüde in die Kojen.

Wanderung vom Hafen zum Dorf auf Wangerooge

Wangerooge – Norderney

Für den nächsten Tag hatten wir Norderney anvisiert. Die Wettervorhersage war leider alles andere als günstig: 5-6 Windstärken aus Westen, also genau gegenan. Dazu waren ca. zwei Meter Welle vorhergesagt. Auch wenn wir schon ahnten, dass das nicht gemütlich werden würde: Eine andere Option gab es nicht, wenn wir nicht über Nacht segeln oder den Sturm auf den Inseln abwettern wollten.

Auslaufen auf Wangerooge

Auch wenn eigentlich um 0600 Hochwasser war: Dieses Mal gönnten wir uns ein wenig „Ausschlafen“ und stellten den Wecker erst auf 0700. Um 0800 liefen wir dann aus und setzten direkt nach der Hafenausfahrt die Segel. Trotz kleiner Fock und erstem Reff im Groß zischten wir nur so über das Seegatt. Es war aber auch höchste Zeit, denn zeitweise hatten wir nur noch einen Meter Wasser unterm Kiel.

Leider drehte der anfangs noch südlichere Wind recht bald Richtung Westen und es wurde schnell klar, dass auch hier Aufkreuzen gegen Wind und Welle (und den einsetzenden Strom) wahrscheinlich zu knapp würde, um noch rechtzeitig mit Hochwasser nach Norderney zu kommen. Zumal wir durch das Verkehrstrennungsgebiet auch nicht zu sehr nach Norden fahren durften.

Also wählten wir den „Kompromiss“: Maschine an, aber Großsegel oben lassen und komplett dichtholen. So konnten wir ein wenig gegenan „kreuzen“. Dabei bestand die Herausforderung darin, einerseits nicht direkt gegen den Wind zu fahren (dann killt das Segel und nimmt Schaden) und andererseits nicht zu sehr abzufallen, um keine nennenswerte Lage zu schieben, was wiederum für die Schmierung der Maschine schlecht ist.

Tom hat diese Herausforderung zunächst blendend gemeistert: Um seine Seekrankheit einigermaßen im Griff zu haben, ließ er sich nicht davon abhalten, von 0800 bis 1500 Uhr quasi durchgehend Ruder zu gehen. Und das war kein Vergnügen.

Klitschnass und trotzdem sieben Stunden nonstop gesteuert

Durch die harte, steile Welle, die uns entgegen stand, bekamen wir im Cockpit alle zehn Sekunden gefühlt einen vollen Eimer Meerwasser ins Gesicht. Dadurch ist die feste Sprayhood, die auf meiner ToDo-Liste steht, um einige Stufen auf der Prioritätenliste nach oben geklettert.

Mit jeder Welle…
…eine Dusche

Die regelmäßigen Salzwasserduschen hatten zur Folge, dass wir trotz Ölzeug schnell bis auf die Knochen durchnässt waren. So kamen wir als Crew doch ziemlich an unsere Grenzen, und auch ich habe zwischendurch die Fische gefüttert. Leider hat auch mein Handy, dass ich in meiner (eigentlich wasserdichten) Ölzeug-Tasche hatte, die Salzwasserdusche nicht überlebt. Selbst nach intensiven Trocknungsversuchen gab es keinen Mucks von sich, sodass wohl oder übel ein Neues her muss. Das bleibt dann aber unter Deck bei solchen Touren.

Leider schließt der Doradelüfter nicht richtig, sodass unter Deck nun auch an diversen Stellen Salzkrusten zu finden sind.

Da wir in den letzten zwei Stunden wegen des einsetzenden Gegenstroms nur noch ca. 2,5 Knoten Fahrt über Grund machten, zehrte das Ganze doch arg an der Moral. Gegen 1430 bargen wir das Groß. Das sorgte natürlich für nochmal mehr Geschaukel. Ab dann war der arme Tom leider total außer Gefecht gesetzt, sodass ich die letzten Meilen durch das Seegatt alleine bestreiten musste.

Das Stück hatte es leider echt in sich. Durch das flache Wasser türmten sich die Wellen noch höher auf. Drei Meter waren es jetzt locker. Im Nachhinein denke ich, dass es wahrscheinlich sicherer gewesen wäre, noch einmal rauszukreuzen und Borkum anzulaufen. Aber das wollte ich Tom echt nicht antun. Und es hat ja auch geklappt. Um 1730 lagen wir sicher in Norderney im Hafen.

Wie zu erwarten, ging es Tom schon in der Hafeneinfahrt, sobald das Schaukeln aufhörte, wieder gut. So haben wir dann unsere Klamotten zum Trocknen aufgehängt und gemütlich ein Süppchen gekocht. (Okay okay… wir haben es warm gemacht…)

Endlich das nasse Ölzeug ablegen…
…und das Abendbrot genießen.

Norderney – Dokkum

Auch wenn Tom eigentlich die Schnauze voll hatte vom Segeln, konnte ich ihn überreden, am nächsten Tag in Richtung Holland aufzubrechen. Die Vorhersage für den Wind war nämlich optimal für den Trip, und es war die einzige Möglichkeit, weiterzukommen und das Wochenende nicht auf Norderney festzuhängen.

Wenn da nur nicht die Uhrzeit gewesen wäre: Unsere Nachbarn, bei denen wir im Päckchen lagen, wollten nämlich um 0530 los. Wir hätten also sowieso um diese Zeit aufstehen müssen. Deshalb entschieden wir uns, ihrem Beispiel zu folgen und die Ebbströmung zu nutzen, um möglichst schnell nach Westen zu kommen.

Nach einer viel zu kurzen Nacht ging es dann los: Und siehe da, wir hatten perfekte Segelbedinungen. Direkt nach dem Seegatt zischten wir unter Groß und Genua bei 3-4 Beaufort Südwind gen Westen. Die Logge zeigte nicht selten über sechs Knoten an. Über Grund machten wir sogar bis zu acht Knoten!

Was für eine herrliche Entschädigung für die letzten Tage! Und Tom war auch wieder mit dem Segeln versöhnt. Nach anfänglicher Vorsicht traute er sich dann sogar, eine Banane zu essen. Und als er einmal auf den Geschmack gekommen war, leerte er in Nullkommanix meine Nuss- und Keksvorräte.

Tom macht das Segeln auch wieder Spaß…
…und er traut sich sogar, eine Banane zu essen.

Nun machte sich auch der neu installierte Windpilot nützlich. Er steuerte klaglos die gesamte Strecke und ich bin mehr als begeistert! Zur Feier des Tages tauften wir dieses neue Crewmitglied auf den Namen Peter, zu Ehren seines Erbauers, Peter Förthmann. Danke Peter für diese tolle Erfindung!

Crewmitglied Peter (auch bekannt als Ahoras Arschgeweih) steuert besser als jeder Mensch.

Nach ca. 40 Seemeilen war es an der Zeit, in das Westgatt zwischen Schiermonnikoog und Ameland abzubiegen. Der Wind hatte inzwischen auf gute fünf Beaufort aufgefrischt, sodass uns ein letztes Mal Gegenanbolzen bevorstand. Zeitgleich ging ein Wolkenbruch auf uns nieder, sodass nun noch ein weiterer Satz Klamotten durchtränkt war. Aber trotz allem: Wir hatten diesmal keine Ausfälle zu verzeichnen und schleusten, früher als erwartet, um 1500 ins Lauwersooger Meer ein.

Nun hatten wir Süßwasser unter dem Kiel und ich fühlte mich sofort heimisch: Friesland ist der Ort, wo ich als Kind mit der Neptun 22 meines Opas die ersten Fahrtensegel-Erfahrungen gemacht hatte. Sein Boot hieß „Mañana“ (Spanisch für „Morgen“) – heute bin ich zurück mit „Ahora“ (Spanisch für „Jetzt“). Ein schönes Gefühl.

Willkommen in Friesland, meiner ersten Segelheimat!

Für meinen Geschmack etwas zu viel Bekanntschaft mit dem friesischen Boden machten wir allerdings, als Ahora mit ihrem Kiel den Schlick küsste. Obwohl wir uns offiziell an die Fahrrinne am Ausgang des Lauwersmeers gehalten hatten: Wir saßen fest! Da half auch kein Vollgas im Rückwärtsgang mehr.

Zum Glück kam ein hilfbereites holländisches Pärchen vorbei, das versuchte, uns mit ihrem Tuckerboot aus dem Schlick zu ziehen. Mit dem Ergebnis, dass sie selber auf Grund liefen… Auch ein zweiter Versuch führte zu keinem Ergebnis, außer dass sie jetzt ebenfalls nicht mehr von dem Flach herunterkamen.

Das hat leider nicht funktioniert. Trotzdem danke für den Versuch…

Ein deutscher Einhandsegler mit einem flachgehenden Boot kam uns dann zu Hilfe und zog zuerst uns mit Vollgas und einem Ruck in die Schleppleine vom Flach. Wir mussten dann leider sofort weiter, um nicht wieder an die Seite der engen Fahrrinne gedrückt zu werden. Ich kann nur hoffen, dass er auch dem holländischen Pärchen helfen konnte, das wegen uns nun im Schlick saß. Ein bisschen habe ich ja schon ein schlechtes Gewissen, aber wir hatten mit unseren 1,70 m Tiefgang leider keine andere Option als weiterzufahren.

Ein herzliches Dankeschön an den Skipper der Thetleif

Nun ging es durch eine weitere Schleuse und mehrere Klappbrücken über die Kanäle bis nach Dokkum. Oh, wie liebe ich Friesland! Gemütlich an den weidenden Kühen vorbeischippern und die Landschaft genießen. Da kamen gleich nostalgische Gefühle auf und Erinnerungen an meine Kindheit. Ich glaube, wenn ich einmal alt bin, möchte ich auf einem Hausboot in Friesland wohnen.

Die friesischen Kanäle bieten einen willkommenen Kontrast zur rauhen Nordsee. Und langweilig wird es dank der vielen Brücken auch nicht.

Um 1830 machten wir – nach 13 Stunden Fahrt und 68 Seemeilen – mitten in der Dokkumer Innenstadt fest. Obwohl es der bisher längste Schlag der Reise war, kam er uns im Vergleich zu den Vortagen sehr entspannt vor. Zufrieden legten wir uns in die Kojen und stellten diesmal bewusst keinen Wecker…

In Dokkum liegen wir im Kanal mitten in der Stadt. Und das unschlagbar günstig für 9 € pro Nacht.

P.S.: Lieber Tom, ich danke dir, dass du dabei warst und trotz der Strapazen weiter mitfährst. Ohne dich wäre dieser Teil der Reise zumindest so nicht möglich gewesen.

All is well.
Jan

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4 comments
Jonathan Seagull says 11. August 2019

Wie wi sehen liegt ihr in Leeuwarden jetzt, stimmt das?
gr. Jonathan Seagull

Reply
    jan says 17. August 2019

    Ja, wir sind dann von Leeuwarden weiter über Sneek, Enkhuizen, Hoorn und Amsterdam gefahren. Gerade sind wir auf dem Weg nach Leiden. Liebe Grüße, Jan und Tom

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Martin Athenstädt says 15. August 2019

Lieber Jan,
leider komme ich erst jetzt (15.8.) dazu, deinen Eintrag zu lesen – und bin total begeistert von euch beiden.
Vor einem Jahr waren wir ja auch mit unserem Schiffchen auf dem Lauwersmeer, in Dokkum und auf der Staande Mastroute unterwegs, aber unsere Anfahrt über Kanäle und Ems war ja geradezu eine Spazierfahrt dagegen.
Ich drücke euch die Daumen für die Weiterfahrt ( Staande Mastroute bis Amsterdam ?) und freue mich auf deinen nächsten Bericht.
Dein Onkel Martin
( und mit meinen 72 Jahren kann ich dir nur zustimmen, wenn ich einmal alt bin, möchte ich auch auf einem Hausboot in Friesland wohnen)

Reply
    jan says 17. August 2019

    Wie schön von dir zu hören, lieber Onkel Martin! Komm doch auch mal eine Runde mitsegeln… Grüße aus Kaag an die ganze Familie! Jan und Tom

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