Wildes Korsika

Nach zwei Tagen in Menton, unserem letzten Stopp an der Côte d’Azur, setzten mein Bruder Tom und ich die Segel für die Überfahrt nach Korsika. Der Wind war eher schwach und aus wechselnden Richtungen angekündigt, aber wir hatten keine Eile und zu wenig Wind war mir deutlich lieber als zu viel, vor allem nach der letzten Erfahrung mit dem Mistral.

Boat-Office: Solange wir noch in Mobilfunk-Reichweite waren, nutzte ich die Gelegenheit, noch ein paar Tickets im Klabauter-Shop-Support abzuarbeiten
Immer noch wenig Wind vor dem Sonnenuntergang. Mittlerweile ist kein Land mehr in Sicht

Mit wenig Wind kann ich leben. Leider ging ab und zu auch gar kein Lüftchen mehr. Zum nur Rumdümpeln waren wir dann doch zu ungeduldig und warfen zweimal für ein paar Stunden den Diesel an. Zum Glück konnten wir aber trotzdem weit mehr als die Hälfte der Strecke segeln.

Bei dieser Überfahrt bekam ahora keinen Besuch von einem Vogel, aber dafür klammerten sich mehrere Libellen an Reling und Wanten fest. Wir haben versucht, unseren blinden (oder doch eher facettenäugigen? ) Passagieren etwas Süßwasser und Zucker anzubieten. Leider konnten wir sie damit nicht überzeugen, bei uns zu bleiben. Am nächsten Morgen waren sie jedenfalls weitergeflogen.

Fliegender Besuch jedweder Art ist auf See immer erstaunlich zutraulich
Ein Vorteil des ruhigen Wetters: Wir konnten in Ruhe kochen.

Richtig viel haben wir in der Nacht durch den 2-Stunden-Wachrhythmus nicht geschlafen, aber insgesamt lief die Überfahrt problemlos und entspannt. Nur eben etwas langsamer. Insgesamt brauchten wir ca. 30 Stunden für die 90 Meilen. Wir hatten es aber auch wirklich nicht auf Geschwindigkeit angelegt, sondern auf entspanntes Segeln. Nachts frischte der Wind auch immer mal wieder auf, sodass ich mich entschloss, das Großsegel sicherheitshalber zu bergen, um nicht von Böen überrascht zu werden.

Morgengrauen im Nebel

Im Morgengrauen wurden wir von Nebel überrascht, doch zum Glück gibt es in der nordwestlichen Ecke von Korsika kaum Schiffsverkehr, sodass uns das nicht weiter störte.

Land in Sicht! Unter der französischen Flagge wird nun die korsische gehisst.

Gegen Mittag fiel unser Anker in einer kleinen, felsenumsäumten Bucht im Nordwesten der Insel, westlich der Landspitze von Calvi.

Entspannen nach der Ankunft

Nachdem wir uns ausgeruht hatten, ließen wir das Dinghy zu Wasser und erkundeten die Gegend. Hinter einer Landzunge sollte es eine Höhle geben, deren Erforschung wir uns natürlich nicht entgehen lassen wollten.

Wie die Profis: Voll ausgestattet für die Expedition in die Höhle…

Man konnte mit dem Dinghy direkt in die relativ große Höhle hinein fahren. Und dank unserer Profi-Handy-Taschenlampen bekam ich einige Fledermäuse an der Decke zu sehen. Nach einer Weile sah Tom sie dann schließlich auch (nachdem er die Sonnenbrille abgesetzt hatte…) 😉

…die wir dann dann vom Dinghy aus und ganz ohne Kraxeln besichtigen konnten.

Nun, da wir die Überfahrt hinter uns hatten, wollten wir in Ruhe die wilde Westküste Korsikas erkunden. Dafür hatten wir Glück: Es herrschte nämlich nur schwacher Wind. Vor allem kein Mistral.

An der Westküste gibt es nämlich kaum Ankerbuchten, die bei den vorherrschenden Nordwestwinden geschützt sind. Bei Flaute dagegen hat man die freie Wahl. Einziger Nachteil: Viel Segeln war nicht drin. Die Hälfte der Strecke die Küste runter mussten wir motoren. Doch da die Strecken von Bucht zu Bucht recht kurz sind, war das nicht so schlimm.

So voll wie hier, noch im Norden der Insel, war es selten an der Westküste

Die Küste im Westen Korsikas ist sehr wild und unerschlossen und von Land aus nur über Wanderwege zu erreichen. Um von der Straße in die Buchten zu kommen, muss man teils mehrere Stunden laufen. Ich hätte nicht damit gerechnet, mitten in Westeuropa eine solche Wildnis zu finden. Insbesondere La Scandola, eine Halbinsel, die gleichzeitig das älteste Naturschutzgebiet Frankreichs ist, hat es uns angetan.

Rauhe Felsen an der Scandola-Halbinsel

In dem Naturreservat waren wir zwar selten ganz alleine, aber für August und Hochsaison waren die Buchten erstaunlich leer. Platzmangel gab es jedenfalls nicht.

Traumhafte Buchten in unberührter Natur

Von einem unserer Ankerplätze aus wanderten wir ca. eine Stunde nach Girolata, einem kleinen Dorf mit ca. 100 Einwohnern, das von der Straße aus nur mittels einer fünfstündigen Wanderung erreichbar ist. Oder eben per Boot.

Wanderung nach Girolata

Durch diese Abgeschiedenheit hat das Dorf eine gewisse Berühmtheit erlangt, sodass mittlerweile recht viele Yachten und auch Ausflugsboote diese „Attraktion“ ansteuern. Etwas zu viele für unseren Geschmack. Aber von dem Trubel bekamen wir ja an unserem Ankerplatz in der Nachbarbucht zum Glück nichts mit.

Rund um Girolata laufen eine Menge Kühe frei herum und lassen sich von den Touristen mit Pizza füttern. Tom hat sich gleich mit einer angefreundet
Das Bild täuscht. So voll, wie es aussieht, war der Ankerplatz gar nicht.

Am nächsten Tag segelten wir weiter nach Cargèse, wo wir zwei Nächte blieben und im Supermarkt neuen Proviant bunkerten. Der Ort hat eine interessante Geschichte: Er wurde im 18. Jahrhundert von griechischen Flüchtlingen gegründet. Deshalb gibt es sowohl eine römisch-katholische, als auch eine griechisch-orthodoxe Kirche, die sich direkt gegenüber liegen. Bis heute spricht ein Teil der Einwohner Griechisch mit einer lokalen Färbung.

Blick auf eine der Kirchen. Cargèse ist zwar klein, aber wunderbar grün und einladend…
…und die korsischen Köstlichkeiten kamen auch nicht zu kurz.

Vor Cargese war das Wasser besonders klar, und so nutzten wir die Gelegenheit zu ein paar Aufnahmen für die Mini-Doku, die Tom über mein Leben als digitaler Segelnomade gedreht hat.

Kristallklares Wasser…
…und ein perfektes Setting für Filmaufnahmen…
…die es dann aber doch nicht in die Endfassung der Doku geschafft haben.

Wir wären eigentlich gerne noch ein wenig länger an der Westküste geblieben, aber leider hatte sich der Mistral angekündigt. Und so entschlossen wir uns, den Süden Korsikas zu umrunden und an der Westseite Schutz zu suchen.

Auf dem Weg zur Straße von Bonifacio trafen wir mal wieder ein paar Rich-Kids auf ihren Spielzeugen. In diesem Fall die „Symphony“ von Bernard Arnault, seines Zeichens reichster Europäer

Eigentlich hätten wir gerne in Bonifacio Station gemacht, da uns der Ort von mehreren Seiten wärmstens empfohlen wurde. Leider gab es aber keinen Platz mehr im Hafen, obwohl wir mehrere Tage vorher versuchten zu reservieren. Im Nachhinein denke ich, dass wir einfach trotzdem hätten hinfahren sollen. Irgendwo hätten wir ahora sicher noch dazwischen quetschen können. Naja, so gibt es einen Grund, noch mal wieder hinzusegeln…

…und wir segeln mit Wind und Sonne im Rücken gemütlich durch die Straße von Bonifacio Richtung Ostseite der Insel.

An den nächsten paar Tage erkundeten wir die Buchten im Südosten der Insel. Der Mistral hatte ganz schön zugelegt und pfiff durch die Straße von Bonifacio. Zum Glück war das in den Ankerbuchten dank gutem Sandgrund kein Problem.

Interessant war, dass es an einem Tag so sehr nach Rauch roch, dass uns das Atmen schwer viel und wir teilweise husten mussten. Auf der Suche nach besserer Luft wollten wir schon die Bucht wechseln. Doch interessanterweise fanden wir im Internet keinen Hinweis auf einen Waldbrand auf Korsika. Erst später stellten wir fest, dass der Rauch von einem Großbrand an der Côte d’Azur stammen musste, über 300 km entfernt! Zum Glück ging es mit dem Atmen nach einer Weile dann auch wieder besser.

Die Ankerbuchten im Osten der Insel waren deutlich voller…
…dafür gab es einen Croissant-Service vom Bäcker-Boot! 🙂
Ein weiteres kulinarisches Highlight: In einer der Buchten fanden wir ein exzellentes Restaurant mit Thunfisch-Steaks zu fairen Preisen. Frankreich ist schon klasse…

Auch wenn es auf den Bildern so aussieht, als würde ich nur Urlaub machen: Ganz so ist es dann doch nicht. Ich kann zwar durch meinen Mitarbeiter Matthias, der mittlerweile einen guten Teil des Kundensupports übernimmt, auch mal durchatmen. Aber ich leite ja trotzdem zwei Unternehmen von Bord aus. Den Klabauter-Shop und BoatHowTo. Gerade der Start unseres Bootselektrik-Kurses diesen Sommer hat natürlich einige Arbeit nach sich gezogen.

In einem früheren Blogpost hatte ich ja überlegt, wie es mit meinem wachsenden Klabauter-Geschäft weitergehen soll. Die Frage hat sich jetzt geklärt: Ich werde „richtiger“ Unternehmer!

Und so plante ich, während wir vor Korsika vor Anker lagen, mit meinem Steuerberater und Rechtsanwalt die Gründung der Klabauter GmbH und die damit verbundene Einbringung meines Einzelunternehmens. Zum Glück geht sowas ja heutzutage größtenteils online. Ich werde bei Gelegenheit mal ein ausführliches Update zu meinem Business-Leben und auch meiner Work-Sail-Balance schreiben. Eines aber schon jetzt: Ich bin mächtig stolz, neuerdings Geschäftsführer der Klabauter-GmbH zu sein! 🙂

Boots-Business: GmbH-Gründung vom Ankerplatz aus. Nur zum Notartermin musste ich dann doch nach Deutschland…

Leider kann nicht jeder seinen Job von Bord aus erledigen. Und so hatte Tom einen Rückflug nach Brüssel von Olbia auf Sardinien gebucht. Wir mussten also langsam den Rückweg Richtung Süden antreten. Aber natürlich nicht, ohne noch ein wenig die Natur zu genießen. Zwischen Korsika und Sardinien liegen die wunderschönen Lavezzi-Inseln, und auf der Namensgeberin der Inselgruppe legten wir einen Zwischenstopp ein.

Als wir ankamen war die Insel ziemlich überlaufen mit Tagestouristen, aber nachdem die Touristenboote abends wieder weg waren, hatten wir das kleine, unter Naturschutz stehende Paradies ganz für uns.

Die Lavezzi-Inseln haben traurige Berühmtheit erlangt durch den Schiffbruch der Sémillante, die 1855 hier im Sturm auf einen Felsen lief. (Übrigens auf dem Weg in den Krim-Krieg. Heutzutage ja leider wieder ein brandaktuelles Thema.) Über 700 Menschen verloren damals im Meer ihr Leben, und viele von ihnen wurden auf der Insel Lavezzi angespült, wo sie nun begraben liegen. Man sollte nie vergessen, dass das Meer nicht immer so idyllisch ist, wie wir es gerne sehen, sondern auch grausam sein kann.

Tolle Felsformationen…
…und bedrückende Stelle auf den Friedhöfen für die Schiffbrüchigen.

Am nächsten Tag starteten wir in Richtung Italien (Sardinien). Leider war für Tom hier die Reise schon vorbei. Er musste seine Badehose wieder durch ordentliche Kleidung ersetzen für seinen Job im Europäischen Parlament.

Ein bisschen in die nautische Literatur schauen schadet nicht, wenn man in ein neues Land segelt…
…und so tauschten wir auf der oberen Gastlandflagge das Blau durch Grün, und vervierfachten mal eben den Kopf auf der unteren.
In Rauschefahrt ging es dann durch die Maddalena-Inseln zum italienischen Sardinien.
Willkommen in Italien!

Nach einer Italien-Willkommenspizza in Cannigione segelten wir am nächsten Tag nach Palau, von wo aus Tom den Bus nach Olbia zum Flughafen nahm. Für mich war der Abschied ein fliegender Wechsel, denn es hatte sich schon der nächste Besuch (wieder) angekündigt. Dazu dann mehr im nächsten Blogpost.

Auf jeden Fall waren die letzten zweieinhalb Wochen ein toller Törn. Als Frankreich-Fan fand ich es super, auch Korsika einmal näher kennen zu lernen. Leider war die Zeit bei weitem zu kurz, um alles zu entdecken. Darum gehe ich davon aus, dass dies nicht mein letzter Besuch auf der Insel war.

All is well

Jan

Danke Tom für die schöne gemeinsame Zeit! Ich hoffe du kommst auch nächsten Sommer wieder an Bord zum Segeln unter Brüdern.

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