Bordleben und Nachhaltigkeit

Wenn es um nachhaltige Lebensweise geht, geraten Reiseblogger und Influencer (teils zu Recht) zunehmend in die Kritik. Und es ist tatsächlich eine gute Frage, ob es unserem Planeten gut tut, wenn junge Menschen für einen Fotoshoot an einem Wasserfall um die halbe Welt jetten. Und dann ihre Millionen Follower animieren, es ihnen gleich zu tun – mit dem Resultat, dass viele schöne Orte komplett überrannt oder sogar zerstört werden.

In diesem Beitrag möchte ich ein paar Gedanken zu meinem persönlichen Ressourcenverbrauch und der CO2-Bilanz meines Lebens an Bord mitteilen. Damit möchte ich zeigen, dass es auch mit einem relativ kleinen ökologischen Fußabdruck möglich ist, die Welt zu erkunden. Dieser Text ist in keiner Weise eine komplette Aufzählung meines Ressourcenverbrauchs, denn gerade indirekt kommt da sicher noch einiges dazu. Aber vielleicht ist es trotzdem für den einen oder anderen Leser interessant und ein Denkanstoß.

CO2-Ausstoß

Auch wenn ahora ein Segelboot ist, so ist es doch nicht 100% CO2-neutral. Zum einen ist da der alte Schiffsdiesel, den ich allerdings nur noch sehr selten benutze, seitdem ich ohne Zeitdruck an der Algarve und im Mittelmeer unterwegs bin. Wenn irgend möglich, segele ich direkt bis zum Ankerplatz. Das spart nicht nur Sprit, sondern ist auch eine gute Übung, falls einmal der Motor ausfallen sollte. Im Normalfall verbraucht die Maschine ungefähr 1,5 Liter pro Stunde.

Der gute alte Volvo Penta MD2B verrichtet dank guter Pflege und immer frischem Öl seit mittlerweile 46 Jahren treu seinen Dienst
Wann immer möglich, nutze ich die Segel. So bleibt der Motor auch bei Ankermanövern immer häufiger aus. Übung macht den Meister…

Neben Diesel für ahoras Motor brauche ich hin und wieder Benzin für den kleinen 3,5 PS Außenborder vom Dinghy (Schlauchboot). Zum Glück hält sich der Verbrauch in Grenzen, im Schnitt nicht einmal ein halber Liter pro Woche. Doch je nach Ankerplatz ist es gut, motorisiert unterwegs zu sein. Bei wenig Wind und kurzen Distanzen greife ich aber mittlerweile immer häufiger zu den Riemen. Ein gratis Fitnessstudio sozusagen…

Mein gutes altes Dinghy. Rudern macht fit und man kommt auf kurzen Strecken auch gut voran.

Die dritte und letzte direkte CO2-Quelle an Bord ist mein Petroleum-Kocher. Der ist aber ebenfalls relativ sparsam und auch hier komme ich mit weniger als einem halben Liter pro Woche aus, selbst wenn ich viel koche.

Bei mir selbst kommen jedoch noch Flüge hinzu. Während der ersten anderthalb Jahre meiner Reise bin ich mehrmals nach Deutschland geflogen. Das schlägt sich natürlich negativ auf die sonst sehr gute CO2-Bilanz meines Bootslebens nieder. Allerdings ist es für mich persönlich wichtig, mit Freunden und Familie Kontakt zu halten, sodass ich mir diesen “Luxus” gönne. Sobald ich außerhalb Europas bin, werde ich die Anzahl der Flüge vermutlich weiter reduzieren.

Auch bei der Wahl meiner Ernährung ist für mich Nachhaltigkeit zumindest mit ein Kriterium. Daher halte ich mich beim Fleischkonsum zurück und nutze beim Kochen auch sonst verhältnismäßig wenig tierische Produkte. In manchen Ländern geht das ganz gut. Aber nicht überall findet sich das Ökosortiment eines Biomarkts wie am Konstanzer Stephansplatz oder im Hipsterviertel in Barcelona. Und ab und zu sage ich auch nicht nein zu einem schönen Stück Fleisch oder Fisch in einem lokalen Restaurant.

Sonstige Ressourcen

Ganz ohne Ressourcenverbrauch zu leben, ist in unserer Gesellschaft und unserer Zeit kaum möglich. Allerdings kann man mit erstaunlich wenig auskommen.

Wasser benötige ich pro Tag weniger als 5 Liter. Da ist Trinken, Kochen und Zähneputzen eingerechnet. Wenn ich an Orten mit gutem Leitungswasser bin (das war in Europa bisher fast immer so), fülle ich Tank und Trinkflaschen damit auf. Sobald ich nach Afrika oder in die Karibik komme, werde ich wohl oder übel ab und zu Wasser in Flaschen kaufen müssen.

Zum Duschen brauche ich gar kein (Süß-)Wasser. Seife und Salzwasser reicht vollkommen. (Bisher hat sich zumindest noch niemand über mangelnde Hygiene meinerseits beschwert… 😉 )

Kommen wir zu meinem schwimmenden Untersatz. Obwohl ich eigentlich ein Fan von Holzbooten bin, habe ich mich aus Gründen des geringeren Pflegeaufwands für ein Boot aus Kunststoff entschieden. Das ist zwar kein nachwachsender Rohstoff, aber ahora hat nun schon 55 Jahre auf dem Buckel und wird auch sicher noch eine Weile halten. Wenn es für solche langlebigen Produkte eingesetzt wird, ist Kunststoff ein geniales Material. Als Plastiktüte für die Einmalnutzung dagegen ein Albtraum.

Für das Refit, aber auch den Unterhalt und die Pflege des Bootes benötige ich natürlich Farben und Lacke, die bestimmt keine gute Umweltbilanz haben und auch teilweise giftig sind. Allerdings ist das alles wahrscheinlich deutlich weniger, als beim Unterhalt eines Hauses anfallen würde oder auch bei der Produktion eines Autos. Giftig ist insbesondere die Antifouling-Farbe für das Unterwasserschiff. Hier suche ich immer noch nach einer funktionierenden Alternative.

Auch sonst gibt es Dinge, die ab und zu erneuert werden müssen, z.B. die Batterien, die Segel, Leinen und sonstige Verschleißteile an Bord. Ich versuche natürlich (auch aus Kostengründen), sämtliche Dinge an Bord möglichst pfleglich zu behandeln und so die Lebensdauer zu maximieren.

Mein „Duscheimer“ ist übrigens selber genäht – recycled aus einem alten Stück Segeltuch.

Stromverbrauch

Von März bis Oktober konnte ich meinen kompletten Stromverbrauch durch die begehbaren Solarpaneele decken.

Seit ich im Februar an der Algarve angekommen war, lag ich mit ahora quasi permanent vor Anker, durch den Lockdown dann sogar gezwungenermaßen. Auch auf Ibiza und Mallorca habe ich ausschließlich geankert. Von Anfang März, bis zu meiner Ankunft in Barcelona war ich mit ahora quasi komplett “Off-Grid”. Trotz eines zwischenzeitlichen Defektes in einem der beiden Solarpaneele auf ahoras Kajütdach konnte ich meinen kompletten Strombedarf allein durch die Sonne decken. Navigationsequipment, Laptop, 4G-Router, Kühlschrank und Licht gratis und ohne ein Gramm CO2-Ausstoß. Ein tolles Gefühl, wenn man weiß, dass man in dieser Hinsicht autark ist.

Selbst mein Studio-Equipment für mein neues Projekt BoatHowTo konnte ich mit Strom aus der Sonne versorgen

Seitdem ich Ende Oktober in meinem Überwinterungshafen Barcelona eingetroffen bin, sieht die Sache aber anders aus. Erstens würde es im Winter aufgrund geringer Sonneneinstrahlung wahrscheinlich doch arg knapp mit dem Solarstrom. Und zweitens gönne ich mir hier im Hafen den “Luxus” eines elektrischen Wasserkochers und einer Elektroheizung. Auch wenn das Klima hier im Prinzip deutlich angenehmer ist als in Deutschland, so möchte ich abends auf ein gemütlich-warmes Boot nicht verzichten.

In der Zeit von meiner Ankunft Ende Oktober bis Ende Januar habe ich 338 kWh Landstrom verbraucht. Das ist zwar nicht wenig, aber trotzdem nur ein bisschen mehr als die Hälfte meines monatlichen Stromverbrauchs, den ich in Konstanz in meinem Häuschen hatte.

Hier im Hafen kommt natürlich noch der Energieverbrauch der warmen Duschen dazu, die ich mir alle ein bis zwei Tage “gönne”. Und natürlich der für den Betrieb der Küchen in den Restaurants hier in Barcelona, bei denen ich aktuell Stammgast bin.

Müll und sonstige Umweltbelastung

Ich versuche, wann immer möglich, Lebensmittel ohne Verpackung zu kaufen. Mit dem Jutebeutel auf dem Markt geht das ganz gut, aber es kommen trotzdem immer wieder ein paar Verpackungen zusammen. Insgesamt hält sich der Müll an Bord aber auch dadurch in Grenzen, dass ich außer Lebensmitteln quasi nichts konsumiere. Pro Woche fällt typischerweise nur ein kleiner Müllbeutel an.

Das Abwasser hingegen ist tatsächlich ein Problem an Bord. Ahora hat keinen Fäkalientank (muss sie aufgrund ihres Baujahres auch nicht) und so geht alles aus Klo und Spüle direkt ins Meer bzw. ins Hafenbecken. Zum Glück sind die meisten Ankerbuchten recht weitläufig und es gibt einen guten Wasseraustausch, sodass ich mir um die menschlichen Ausscheidungen nicht allzu große Gedanken mache. Im Hafen nutze ich selbstverständlich die Hafentoilette für alle “großen” Geschäfte.

Mein „Duschzeug“ vor Anker: Shampoo-Bar und Bio-Seife

Bei Shampoo und Seife bin ich für die Zeit vor Anker mittlerweile auf abbaubare Kernseife-Produkte umgestiegen und auch beim Spülmittel hatte ich zumindest zwischenzeitlich eine biologisch abbaubare Variante. So etwas findet man leider nur sehr selten. Auch bei der Zahnpasta habe ich eine Sorte gefunden, die zumindest laut Etikett, zu 99,7% aus natürlichen Inhaltsstoffen besteht. Falls du, lieber Leser, weitere gute und umweltschonende Pflege- und Reinigungsprodukte kennst, würde ich mich über einen Tipp sehr freuen!

Ist Segeln immer so umweltfreundlich?

In diesem Artikel ging es um meine persönliche Situation vor Anker an der Algarve und im Mittelmeer. Dies ist insofern der “Idealzustand”, als dass es hier bis weit in den Herbst hinein warm genug ist, um ohne Heizung auszukommen. Und auch die Sonne scheint ausreichend, um meinen Energiebedarf aus den Solarzellen zu decken. Außerdem kam ich hier weitgehend ohne Einsatz der Maschine aus, was in der Nordsee und im Englischen Kanal ganz anders aussah.

Würde ich einen Winter im Hafen in Deutschland verbringen, sähe die Energiebilanz schon weniger gut aus. Trotzdem wage ich zu behaupten, dass selbst dort mein Energiebedarf eher geringer und meine Umweltbilanz besser wäre, als in einer durchschnittlichen Stadtwohnung.

So, das war eine kleine Liste meiner Gedanken zum Thema Nachhaltigkeit. Sicher habe ich einige wichtige Punkte vergessen. Wenn euch noch etwas einfällt oder ihr Fragen habt, schreibt mir einen Kommentar unter diesen Artikel. Auch über Kritik oder Anregungen und Vorschläge zur Optimierung der Nachhaltigkeit an Bord freue ich mich.

All is well!

Jan

Unterwegs mit Tom im Mittelmeer. Was für ein Geschenk, die Kraft des Windes nutzen zu dürfen. (Foto: Lars Wichmann)

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