Wunderschöne Südbretagne

Der Wind war günstig, der Strom auch. So brauchten wir nicht lange zu überlegen, um die Entscheidung zu treffen, von Aber Wrac’h aus direkt die Südbretagne anzusteuern, ohne den sich anbietenden Zwischenstopp in Brest oder Camaret sur Mer.

Wie gewohnt ließen wir uns mit der Morgentide den „Fjord“ hinaustreiben. An der Einfahrt herrschte, wie schon am Vortag, ein ordentlicher Seegang, der aber abnahm, sobald wir uns ein wenig von der Küste entfernten. Zunächst hatten wir, wie angesagt, angenehmen raumen Wind, der aber leider recht bald abnahm, sodass wir (um nicht an der Pointe St. Matthieu den Strom gegen uns zu haben) für zwei Stunden zum Motor segeln übergingen.

Bei zunächst gutem Wind heißt es von nun an: Kurs Süd statt West

In der großen Bucht zwischen der Pointe de Matthieu und der Pointe du Raz frischte der Wind dann aber wieder auf 5 Windstärken auf, sodass wir das Groß bargen und nur mit Genua 5-6 Knoten über Grund machten. Damit waren wir leider ein bisschen „zu schnell“. Denn wir erreichten die Pointe du Raz schon eine Stunde bevor der Strom südwärts setzen würde.

Wir hatten immer noch (leichte) Springtide, und das Spektakel, das wir nun an der Pointe du Raz erlebten, hatte ich so nicht erwartet. Obwohl wir gut Fahrt durchs Wasser machten, bewegten wir uns zeitweise gar nicht mehr fort, bzw. fuhren sogar rückwärts.

5-6 Knoten durchs Wasser…
0 Knoten über Grund (und sogar Rückwärts)

Durch den kräftigen Wind, der gegen den Strom setzte, türmten sich kurze, steile Wellen von gut zwei Meter Höhe urplötzlich aus dem Nichts auf, nur um kurz darauf wieder in sich zusammen zu fallen. Kabbelwasser deluxe!

Zum Glück ließ sich Ahora von der Situation nicht groß beeindrucken, und nur ein einziges Mal fand eine der Wellen den Weg ins Cockpit und verpasste uns eine kalte Dusche.

Das Kabbelwasser ist leider sehr schwer auf dem Foto festzuhalten

Interessanterweise schien eine halbe Meile dichter am Kap die Situation weitaus ruhiger zu sein, und zwei Segelboote überholten uns mühelos, als wäre nichts dabei. Offensichtlich kannten die einheimischen Skipper eine Gegenströmung in Küstennähe.

Nachdem wir eine Weile gegen den Strom angekämpft hatten, schien er langsam nachzulassen, sodass wir endlich das berüchtigte Kap hinter uns lassen konnten. Kein Wunder, dass die Pointe du Raz einen ziemlich üblen Ruf unter den Seefahrern hat. Nicht auszumalen, wie es hier bei Windstäre 8 und vollem Strom gegenan ausgesehen hätte…

Die Pointe du Raz ist passiert, jetzt ist entspanntes Segeln Kurs Südost angesagt

Kurz nach dem Kap war der Spuk vorbei und wir setzten seelenruhig unseren Kurs fort Richtung Pointe de Penmarc’h, von der uns bei Einbruch der Dunkelheit der imposante Phare d’Eckmühl entgegenleuchtete.

Die Sonne geht unter…
…am Horizont ist der Phare d’Eckmühl zu erkennen

Am Phare d’Eckmühl kamen uns mehrere kleine Rennyachten entgegen. Wie wir später erfuhren, waren es Yachten vom Typ Figaro 3 auf dem Weg zur nächsten Regatta.

Während wir in die stockdunkle Nacht fuhren und Gerwald meine Fähigkeiten bewunderte, mithilfe des Tablets unbeleuchtete Kardinaltonnen so vorherzusagen, dass ihre Schemen exakt wie berechnet querab auftauchten, war zumindest einer der Figaro-Skipper weniger aufmerksam.

Wie wir später erfuhren, rammte sein Boot in den frühen Morgenstunden eine Kardinaltonne vor Aber Wrac’h (die wir keine 24 Stunden zuvor in gutem Abstand passiert hatten) und ging auf Tiefe. Auch wenn ich glaube, dass Ahora einen solchen Crash besser verkraften würde: Nachts segeln in Küstennähe erfordert volle Aufmerksamkeit.

Für Gerwald war es die erste Nachtfahrt, und entsprechend ungewohnt war es für ihn, mit 6 Knoten durch die absolute Dunkelheit zu rauschen. Ich kenne das ja schon, aber das oben genannte Beispiel zeigt, dass man eben nochmal deutlich vorsichtiger navigieren muss als bei Tage.

Gegen Mitternacht holten wir die Segel ein und um 0100 machten wir am Steg in Sainte Marine fest. Auch hier herrschte starker Tidenstrom, sodass wir mehrere Leinen ausbrachten und ich in der Nacht ein paar mal aufstand, um den Sitz der Leinen und Fender zu kontrollieren.

Morgenstimmung in Sainte Marine

Am nächsten Morgen ließen wir uns Zeit und genossen einen Kaffee am Ufer in Sainte Marine. Es ist immer wieder faszinierend, wenn man nachts irgendwo ankommt und dann am nächsten Morgen erst sieht, wie es aussieht. Sainte Marine jedenfalls war schon ein typisches Dorf, wie ich es aus der Südbretagne kannte. Deutlich üppigere Vegetation als im Norden, überall Blumen und kleine süße Häuser aus Granitsteinen.

Schön bunt begrüßt uns der Süden der Bretagne

Gegen Mittag ging es dann weiter Richtung Osten. Da kaum Wind war, motorten wir zunächst und ich nutzte die Gelegenheit zu einer kleinen Badepause, um das Paddelrädchen der Logge, das sich offensichtlich nicht mehr drehte, von Algen zu befreien.

Platsch! 🙂

Wenig später kam dann eine angenehme Brise von achtern auf, die uns Richtung Lorient blies.

Entspanntes Segeln auf dem Vordeck…
…bzw. auf den Solarzellen, die bei diesem Wetter so viel Strom liefern, dass man sie auch mal als Liegefläche missbrauchen kann.

Der Wind war so günstig, dass wir in die Mündung des Blavet hineinsegeln konnten und erst kurz vor der Hafeneinfahrt von Port Louis die Segel bergen mussten. Ein weiterer schöner Segeltag, derer es hier in der Bretagne zum Glück deutlich mehr gibt als auf der Nordsee und im Kanal. Während wir dort leider zwei Drittel der Strecke motoren mussten, können wir hier in der Bretagne 80% der Zeit segeln.

Die Vauban-Festung an der Hafeneinfahrt von Port Louis
Bei einer leckeren Portion Moules Frites genossen wir den Sonnenuntergang am Strand

Am nächsten Tag war allerdings zunächst absolute Flaute. Vielleicht hatten wir uns doch etwas zu früh gefreut, was die Segelei in der Bretagne anging. Trotzdem wollten wir weiter, da meine Freunde Ben und Jack gerade mit einem Katamaran vor der Belle Île ankerten, um dort mit einer Gruppe zu segeln und Gleitschirmfliegen zu lernen.

Spiegelglatte See: Zeit zum Blogpost-Schreiben

Die Gelegenheit ließen wir uns nicht entgehen, und nach 4 Stunden unter Motor auf spiegelglatter See gingen wir an Bens Katamaran längsseits.

Besuch bei Ben und Jack

Nach einem kurzen Schwimm zum Strand, um der Gruppe beim Paragliding-Üben zuzusehen, tranken wir noch ein Bier an Bord, bevor Gerwald und ich uns zur vorletzten Etappe unserer gemeinsamen Reise aufmachten: nach Port Crouesty.

Prost!

Mittlerweile war Wind aufgekommen, und so rauschten wir mit Halbwindkurs knapp an der Ile Houat vorbei zurück zum Festland. Kurz vor Sonnenuntergang holten wir die Segel ein und liefen in den ziemlich überfüllten und nicht besonders schönen Hafen ein.

Blaues Meer, Goldenes Licht
Ein Starfoto vom alten Seebär
Einfahrt nach Port Crouesty
Port Crousty ist kein besonders schöner Hafen, aber ein guter Ausgangspunkt, um in den Golfe de Morbihan zu segeln

Am nächsten Tag war es dann soweit: Wir passierten Port-Navalo und fuhren in den Golfe du Morbihan. Für mich (und auch für Gerwald) war das ein besonderer Moment. Jedes Jahr von meinem ersten bis zu meinem 17. Lebensjahr haben wir hier gemeinsam 5 Wochen lang Campingurlaub gemacht.

Port-Navalo an Steuerbord

Ich war seit 15 Jahren nicht mehr hier, und trotzdem kamen bei der Einfahrt in diese vertrauten Gewässer viele Kindheitserinnerungen hoch. Schließlich hatte Gerwald mir genau hier vor gut 25 Jahren das Segeln beigebracht. Wer hätte gedacht, dass wir nun auf eigenem Kiel von Deutschland aus hier ankommen würden?

Vor der Île Longue kam uns schon unser Familienfreund, „Petit Louis“ entgegen, der uns auf dem AIS verfolgt hatte. Welch eine Freude, sogar einen Lotsen zu haben! 🙂

Petit Louis, unser Lotse

Auf der Weiterfahrt nach Vannes kamen wir an vielen vertrauten Orten vorbei und genossen die Natur dieses kleinen, aber feinen Segelreviers. Leider ist Ahora mit ihrem Tiefgang von 1,70 Metern nicht sehr geeignet für dieses Archipel, das größtenteils trockenfällt. Man muss sich sehr genau an die tiefen Kanäle zwischen den Inseln halten, um nicht aufzulaufen. Trotzdem schön, hier zu sein!

Vor Vannes kam uns eine Sinagot entgegen, eines der klassischen Boote der Region

In Vannes bekamen wir einen schönen Liegeplatz mitten im Stadthafen und drei Boote neben Bens „Marianne“. Schön, dass sich unsere Boote nun auch einmal kennen lernen dürfen… 😉

Die Marianne der Sailing-Conductors

In Vannes werde ich eine Weile bleiben, und so machte ich es mir nach einem ausgiebigen Mittagessen an Bord bequem. Endlich mal ein bisschen entspannen, ohne die nächste Etappe zu planen oder direkt wieder klarschiff machen zu müssen. Unterdessen machte Gerwald sich in seiner typisch bretonischen Seemannskluft zum Bahnhof auf, um eine Fahrkarte nach Köln für den nächsten Tag zu kaufen.

Angekommen: Die erste große Etappe ist geschafft! Hier in Vannes werde ich ein paar Tage Pause machen
Gerwald, der Matrose

Nachmittags kamen unsere Freunde „Petit Louis“ und Annick zum Kaffee vorbei und wir stießen gemeinsam auf die bisherige Reise an.

Für Gerwald war dies nun schon das Ende der Tour, und am nächsten Tag nahm er den Zug nach Hause.

Was mich sehr gefreut und auch berührt hat war, dass Gerwald mir zum Abschied sagte, wie sehr dieser Segeltörn sein Leben bereichert habe. Wie schön, das zu hören.

Lieber Papa! Ohne Dich hätte ich wahrscheinlich nicht die Liebe zum Meer und zu Segelbooten entwickelt. Schön dass du dabei warst. Ich wäre gerne noch etwas länger mit dir gesegelt. Und du bist natürlich jederzeit wieder an Bord willkommen…

All is well

Jan

Vater und Sohn beim Abschied

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1 comment
Martin says 12. September 2019

Lieber Jan,
als Onkel und als Bruder freue ich mich von ganzem Herzen über eure gemeinsame Reise.
Weiterhin viel Glück und günstigen Wind,
Martin

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