Bienvenue en Bretagne

Saint Peter Port in den Morgenstunden

Am nächsten Morgen verließen wir Guernsey einigermaßen zeitlich, um Lézardrieux, unseren ersten Hafen in der Bretagne, anzulaufen. Wir hatten leichten Westwind, aber konnten trotzdem hoch am Wind einen südwestlichen Kurs anlegen. Hier kam uns wieder einmal der Strom zugute: Mit ca. 3 Knoten drückte er uns zunächst von der Seite Richtung Nordwesten, sodass wir gerade in Luv um ein Riff auf halber Strecke herum kamen. Exakt dort kippte der Strom und drückte uns auf perfektem Kurs nach Lézardrieux.

Entspanntes Segeln Kurs Südwest, Richtung Bretagne

Leider schlief der Wind ca. 2 Stunden vor der Einfahrt ein, sodass wir dann doch die Maschine bemühen mussten. Zwischen schroffen Felsen motorten wir ca. 5 Meilen den Fluss hoch, bis wir die Marina erreichten. Der Flutstrom war in vollem Gange, sodass wir auf dem Fluss bis zu 8 Knoten über Grund erreichten. Was bei der Anfahrt gut war, wurde allerdings beim Anlegen zum Problem.

Boot ist fest. Aber wie kriegen wir es zum Steg bei der extremen Seitenströmung?

Der Gaststeiger des Hafens lag nämlich ziemlich weit im Fluss, sodass dort bei unserer Ankunft noch 2 Knoten Strom herrschten. Wäre der Steg parallel zum Strom, wäre das kein Problem gewesen. Allerdings kam der Strom im Winkel von ca. 30 Grad schräg unter dem Steg hervor. Auch bei der Anfahrt kein Problem. Doch als wir Vor- und Mittelleine an Land hatten, standen wir vor dem Problem, dass das Boot nun ca. einen Meter vom Steg quer zur Strömung lag und weder Vollgas vor, noch Vollgas zurück das Boot näher an den Steg brachten.

Langsam und mit mehreren Leinen kriegten wir das Boot zum Steg gezogen

Die ca. 10qm Lateralfläche von Ahoras Langkiel boten den zwei Knoten Strom von schräg vorne einfach zu viel Widerstand. Zum Glück schafften wir es, mittels mehrerer ausgebrachter Leinen, die wir abwechselnd ein Stückchen weit dichtholten, das Boot etwas näher an den Steg zu bringen.

Als Vorsichtsmaßnahme gegen den bald einsetzenden Ebbstrom in entgegengesetzter Richtung brachten wir alle Fender zwischen Boot und Steg. Auch wenn die Nacht wegen laut knarrender Festmacher und Fender recht ungemütlich war: Das Boot lag so sicher am Steg vertäut. Wenig später legte neben uns am Steg die “Glücksburg” an, das Flaggschiff des DHH.

Unsere Nachbarn von der DHH. Irgendwie kommt mir Ahora plötzlich sehr, sehr klein vor…

Dass auch die Segelschul-Profis mit dem Strom zu kämpfen hatten, beruhigte mich dann doch. Die Bretagne ist eben kein einfaches Segelrevier. Aber dafür unglaublich interessant und landschaftlich wunderschön, wenn man die Strömung für sich zu nutzen weiß und vor den Felsen an der Küste fernbleibt.

Vive la Bretagne!

Am Abend aßen wir perfekte bretonische Crêpes und am nächsten Morgen starteten wir mit Baguette, Croissants und Pain-au-Chocolats beladen zur Weiterfahrt Richtung Westen.

Sonnenaufgang deluxe

Wir hatten Glück, dass der Strom ab halb 9 Uhr morgens in die für uns günstige Richtung setzte. So mussten wir gar nicht früh aufstehen, um die Fahrt nach Roscoff fortzusetzen. Leider gabe es allerdings nur schwachen Wind und der kam fast genau von vorne. Immerhin konnten wir das Groß setzen und Motor segeln, sodass wir von der Mischung aus sehr kabbeligem Wasser, verursacht durch die Strömung, und der nun auch vorhandenen ca. 3 Meter hohen Atlantikdünung nicht zu sehr hin- und hergeworfen wurden.

Die Küste ist gespickt mit Felsen, Leuchttürmen…
…und Untiefen. Hier in Frankreich kann man zum Glück von einer vollständigen Kartografierung ausgehen. In der Karibik würde ich so ein Gebiet weiträumig umfahren.

Der Strom trieb uns mit durchschnittlich 3 Knoten gen Westen, sodass wir schon am frühen Nachmittag Roscoff erreichten. Vor der Hafeneinfahrt mussten wir warten, bis eine Fähre aus Irland angelegt hatte. Als wir dann in den Hafen einfahren wollten, kam uns ein Boot der Seenotretter mit aufgeregt winkender Mannschaft entgegen. Wir hätten einen Notruf abgesetzt, ob alles in Ordnung sei. Etwas verwirrt hatte ich schon Gerwald im Verdacht: Der hatte gerade das Funkgerät eingeschaltet. Hatte er vielleicht auf den roten “Distress”-Knopf gedrückt?

Begrüßung von den Seenotrettern: Hatte unsere Epirb etwa ausgelöst?

Auf Nachfrage erklärten die Seenotretter, dass unsere Epirb ausgelöst hätte. Das konnte ich mir nun gar nicht vorstellen, denn der Notsender hing wie immer griffbereit am Niedergang. Auf weitere Nachfrage stellte sich heraus, dass die einzige Information, die die Seenotretter von der Leitstelle in Deutschland bekommen hatten, war, dass ein Boot mit deutscher MMSI-Nummer den Alarm ausgelöst hatte. Also waren wir wohl falsch verdächtigt worden, denn wir waren es definitiv nicht. Nach dem Anlegen klapperte ich, weil ich fließend Französisch spreche, mit dem Seenotretter-Kapitän alle deutschen Boote im Hafen ab. Später bekam der Seenotretter die Info, dass das Signal mittlerweile weiter westlich empfangen wurde und wohl von einem vorbeifahrenden Schiff kam.

Auch im Hafen von Roscoff setzte, zumindest an den äußeren Steigern, ein beträchtlicher Strom ein, vor allem weil es langsam auf die Zeiten der Springtide zuging. Wir meisterten das Anlegemanöver zum Glück gut, aber der Segler vor uns knallte mit dem Außenborder seines in den Davits hängenden Dinghys so hart gegen einen am Steg liegenden Katamaran, dass der Außenborder abriss und im Hafenbecken versank. Glück gehabt, dass wir ohne solche ärgerlichen und teuren Malheurs davon kamen.

Roscoff ist ein typisch bretonisches Dorf, gebaut rund um den trocken fallenden alten Hafen, in dem kleinere Boote und Fischer an Bojen liegen.

Die ersten Hinkelsteine stehen in den Gärten herum
Der alte Hafen von Roscoff…
…und das Stadtzentrum mit den typischen Steinhäusern und Blumen überall
Abendstimmung im alten Hafen

Am nächsten Tag war der Wind leider aus Nordnordwest vorhergesagt, wieder die Richtung, in die wir wollten. Da der Strom aber günstig war und wir weiter Strecke machen wollten, fuhren wir trotzdem los. Und siehe da: Wie auch schon am Race of Alderney konnten wir dank des Stromes von hinten so hoch am Wind fahren, dass wir kaum mehr Strecke machen mussten, als wenn wir auf direktem Wege gefahren wären.

Nach etwa zwei Stunden kam uns eine Schule Delphine besuchen. Für eine gute halbe Stunde begleiteten uns die 8-10 Tiere und spielten in unserer Bugwelle. Ab und zu legten sie sogar spektakuläre Sprungeinlagen ein. Leider genau auf der Seite vom Boot, wo ich gerade nicht fotografierte. Naja, jedenfalls ist der Besuch von Delphinen immer wieder ein schönes Erlebnis… 🙂

Die Delphine folgten uns für eine gute halbe Stunde…
…und spielten miteinander in unserer Bugwelle
Für die Crew ist der Besuch natürlich ein Highlight 🙂

Kurz vor der Landspitze der Ile Vierge frischte dann der Wind auf und der Strom ließ etwas nach, sodass wir die Maschine anwarfen und noch ca. eine Stunde gegenan motorten. Zudem ging gleichzeitig noch eine Regenfront durch. Jetzt waren die Bedingungen wieder vergleichbar mit den ersten Tagen auf der Nordsee. Aber zum Glück nur eine Stunde. Dann konnten wir abbiegen und machten im sehr geschützten Hafen von Aber Wrac’h fest.

Vorspeise: Was wäre die Bretagne ohne Austern…

Mit Aber-Wrac’h haben wir genau einen Monat nach meiner Abfahrt in Hamburg den zunächst westlichsten Hafen der Reise erreicht. 893 Seemeilen (ca. 1665 km) lagen im Kielwasser. Das war ein Grund zum feiern und wir genossen Austern und Fisch im Restaurant am Hafen.

All is well!

Jan

Abendstimmung in Aber-Wrac’h. Dem vorerst westlichsten Hafen der Reise

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