Der digitale Segelnomade – Wie ich mein Bordleben finanziere

Im Sommer 2019 habe ich in Hamburg die Leinen losgeworfen und lebe seitdem auf meinem Segelboot. In den letzten Monaten bin ich die europäische Küste entlanggesegelt und liege aktuell an der Algarve vor Anker. Auch wenn meine laufenden Kosten an Bord deutlich geringer sind als in meinem „alten“ Leben in Deutschland, so brauche ich doch Geld zum Leben. Aktuell grob geschätzt ca. 1000 € im Monat.

Die meisten Segler, die ich unterwegs traf, haben entweder eine Auszeit vom Job genommen und leben vom Ersparten oder sind Rentner. Beide Optionen kamen für mich nicht in Frage: Für das erstere hätte ich noch eine Weile sparen müssen und hätte dann ein begrenztes Zeitfenster gehabt. Und für letzteres hätte ich noch mindestens 35 Jahre warten müssen…

Also habe ich mich für einen anderen Weg entschieden: Unterwegs Geld verdienen. Und zwar als digitaler Segelnomade.

Arbeiten von überall…

Ich habe das Glück, Teil der ersten Generation zu sein, für die ortsunabhängiges Arbeiten in vielen Jobs möglich ist. Gerade bei Bürojobs ist dank schnellem Internet und ausgeklügelter Softwarelösungen eine physische Anwesenheit am Arbeitsplatz nur noch selten nötig.

Noch vor 10 Jahren wäre die Internetversorgung auf dem Boot und selbst in Cafés nicht gut genug gewesen, um wirklich produktiv arbeiten zu können. Heute dagegen habe ich in jeder spanischen Ría und jeder Ankerbucht an der Algarve perfekten 4G-Empfang. (Während mir in Deutschland selbst im Regionalexpress von Leverkusen nach Köln zweimal das Telefongespräch mit einem Kunden abbrach. Aber das ist eine andere Geschichte…)

Mein Boot-Büro…

Es gab zwar auch schon früher ein paar Segler, die ihr Geld unterwegs verdient haben. Aber die wenigen, die das wirklich schafften, waren entweder Autoren von Segelbüchern bzw. Reiseführern oder Handwerker, die dann für längere Zeit an einem Ort blieben, um z.B. als Bootsbauer Geld zu verdienen.

Heute dagegen entwickelt sich das „Digitale Nomadentum“ immer mehr zum Trend, auch unter Seglern. Ich habe bereits mehrere Leute kennen gelernt, die von Bord aus als Freelancer Consulting-Jobs als Ingenieur nachgehen oder im Bereich der Biotechnologie arbeiten. Viele der Kunden wissen gar nicht, dass ihr Auftragnehmer gerade in Europa vor Anker liegt, anstatt, wie vermutet, in Boston im Büro zu sitzen.

Angestellt oder selbstständig?

Als für mich feststand, dass ich meinen Kindheitstraum einer großen Segelreise realisieren will, stand ich vor der Frage, wie ich das Leben auf dem Boot finanzieren kann. Zunächst hatte ich überlegt, zunächst einen gut bezahlten IT-Job (z.B. in der Schweiz) anzunehmen. Als promovierter Informatiker wäre so ein Job wahrscheinlich nicht allzu schwer zu finden gewesen. Mit wenigen Jahren Arbeit hätte ich so vermutlich ein Leben an Bord für eine ganze Weile lang finanzieren können. Alternativ hätte ich sicher auch als IT-Freelancer von unterwegs arbeiten können. Aber ehrlich gesagt hatte ich keine Lust, nur wegen des Geldes eine Arbeit zu machen, die mir vielleicht gar keinen Spaß macht.

…und mein Strand-Büro

Letztendlich habe ich mich aber entschieden, stattdessen mein eigenes „Business“ aufzubauen. Nicht zuletzt bestärkt und inspiriert durch einige Freunde und Bekannte, die bereits erfolgreich ein ortsunabhängiges Online-Business betreiben. Allerdings hat es eine Weile (und einige Versuche) gedauert, bis ich meine „Nische“ gefunden hatte.

Geld verdienen mit meiner Leidenschaft

Nachdem ich ahora gekauft hatte und das Refit für meine bevorstehende Reise begann, merkte ich, dass mir das Arbeiten an Booten extrem viel Spaß macht. Um von meinen Erfahrungen zu berichten (und Leute dazu zu bringen, alte Boote fit zu machen, anstatt neue zu kaufen) habe ich das Online-Magazin KlabauterKiste gegründet.

Zunächst war das Ganze eher ein Hobby, und es war auch nicht einfach, neben Vollzeit-Job an der Uni und Refitarbeiten am Boot auch noch Artikel für die KlabauterKiste zu schreiben. Trotzdem hat es Spaß gemacht, mich immer tiefer in die Themen Bootsbau und Technik an Bord einzuarbeiten. Und das positive Feedback meiner Leser hat mich ebenfalls motiviert.

In den ersten zwei Jahren hatte ich allerdings kaum Einnahmen. Ein wenig Geld kam durch Affiliate-Links und die KlabauterKlamotten rein, doch das war bei weitem nicht genug, um davon leben zu können. Selbst mit den im Vergleich zu einem normalen Leben recht günstigen Lebenshaltungskosten an Bord.

Online-Magazin in Kombination mit Online-Shop

Als durch den Kontakt zu einem Hamburger Großhändler die Idee zum Klabauter-Shop geboren wurde, kam endlich auch Geld in die Kasse. Mittlerweile verdiene ich mit dem Shop in etwa so viel, wie mich das Leben an Bord kostet. Meine Reise hat jetzt also kein budgetbedingtes Enddatum mehr!

Auch wenn ich eigentlich nie geplant hatte, einen Handel zu betreiben, so hat sich ein eigener Online-Shop als ideale Möglichkeit erwiesen, mit den Fachartikeln der KlabauterKiste auch Geld zu verdienen.

Bei ruhigem Wetter geht Arbeiten sogar von unterwegs.

Denn nun kann ich z.B. aus den Artikeln zum Thema Bootselektrik direkt auf Produkte im Shop verlinken. So kann ich also die Arbeit, die ich für den Betrieb der Seite und das Schreiben der Fachartikel investiere, durch die Einnahmen aus dem Shop finanzieren. Und durch den Direktversand vom Großhändler kann ich trotzdem von überall aus arbeiten.

Mittlerweile habe ich als Ergänzung zum Onlinemagazin KlabauterKiste noch die Plattform BootsBastler.org gestartet, die einen Austausch von Bootsbesitzern ermöglichen soll. Mal sehen, wo die Reise noch hingeht; an Ideen mangelt es mir jedenfalls nicht…

Wie sag ich’s meinen Kunden?

Zunächst habe ich versucht, den Shop möglichst „professionell“ aussehen zu lassen, sodass meine Kunden gar nicht mitbekommen, dass ich nicht in Deutschland im Büro sitze, sondern den Laden von Bord oder aus einem Strandcafé betreibe.

Aber warum sollte ich eigentlich ein Geheimnis draus machen? Solange der Service stimmt und die Bestellungen beim Kunden ankommen, ist ja eigentlich egal, wo ich bin. Mittlerweile gehe ich darum auch etwas offener mit meinem Segelleben um: Seit diesem Jahr liegt jeder Bestellung ein Flyer bei, in dem ich mich kurz vorstelle und meine Geschichte erzähle. Bisher habe ich darauf durchweg positive Rückmeldungen bekommen.

So wissen die Kunden, dass ich nicht – nur um Geld zu verdienen – irgend einen Krempel verkaufe, sondern mich tatsächlich für die Produkte interessiere und als Segler auch (zumindest in gewissem Rahmen) ihre Vor- und Nachteile aus erster Hand kenne. Außerdem habe ich so auch über E-Mail teilweise sehr persönlichen Kontakt zu einigen Kunden und tausche Segeltipps und Erfahrungen aus.

So habe ich schon einige Stammkunden gewinnen können, die lieber im Klabauter-Shop bestellen und damit meine Projekte unterstützen, anstatt bei Amazon oder den üblichen großen Versandhäusern für Bootszubehör ihr Geld zu lassen. (Übrigens ist der Klabauter-Shop in den meisten Fällen sowieso die günstigere Wahl…)

Auch wenn es eine Weile gedauert hat, bis ich meine Lebenshaltungskosten an Bord decken konnte, bereue den Schritt in die Selbstständigkeit nicht. Auch wenn ich als IT-Consultant in Zürich zehnmal so viel verdienen könnte. Doch so bin ich mein eigener Herr. Ich kann selbst entscheiden, wann und wo ich wieviel arbeite.

Herausforderung Work-Life-Balance

Durch die Arbeit von Bord und aus dem Café verwischen naturgemäß die Grenzen zwischen „Work“ und „Life“. Nicht selten arbeite ich z.B. abends oder am Wochenende. Dafür habe ich aber auch die Freiheit, an einem X-beliebigen Wochentag „frei“ zu machen und die Sonne zu genießen oder zur nächsten Ankerbucht zu segeln. Allerdings muss ich noch lernen, die Zeiten zwischen Arbeit und Freizeit klarer zu trennen.

Wenn ich z.B. einen Strandspaziergang mache, dann komme ich leider häufig in Versuchung, dass ich „mal eben“ meine Mails auf dem Handy checke und mir dann einen Kopf mache, weil z.B. ein Lieferant nicht die angekündigte Lieferzeit einhält und ich deshalb eine Beschwerdemail habe, weil ein Kunde sein Ladegerät nicht rechtzeitig vor dem geplanten Törn bekommt.

Bei dem Ausblick fällt die Konzentration nicht leicht…
…dafür sind Regentage umso produktiver

Dabei haben in den meisten Fällen solche Anfragen auch bis zum Abend oder nächsten Tag Zeit. Zumindest bei E-Mail-Kommunikation ist ja eine gewisse Antwortzeit zum Glück noch akzeptabel.

Schwieriger wird es da beim Telefon. Bis vor kurzem nutzte ich meine private Handynummer auch für den Kundenservice im Shop. Das hat leider nicht zur Trennung von Arbeitszeit und Freizeit beigetragen. So rief mich z.B. einmal ein Kunde um 22 Uhr an einem Samstagabend wegen Tipps zur Positionierung einer Antenne an.

Aber auch für solche Herausforderungen gibt es Lösungen: Mittlerweile habe ich z.B. eine „virtuelle“ Festnetznummer, die auf mein Handy umgeleitet wird, wenn ich gerade am Laptop arbeite, und die auf einen Anrufbeantworter geht. Die Nachricht bekomme ich dann per E-Mail. Und im Shop weise ich neben meiner Nummer darauf hin, dass ich telefonisch nicht immer erreichbar bin und lieber per Mail kontaktiert werde.

Wie geht es weiter?

Mein aktuelles Ziel ist es, den Shop so weit wachsen zu lassen, dass ich neben der Deckung der laufenden Kosten auch noch meine Rücklagen für Reparaturen am Boot aufstocken kann und möglichst auch wieder Geld für Altersvorsorge zurücklegen kann.

Und wenn ich einmal eine Familie ernähren möchte, brauche ich natürlich ein höheres Einkommen. Dann wäre aber wohl auch ein größeres Boot fällig…

Neben den finanziellen Zielen möchte ich versuchen, die Prozesse im Shop weiter zu optimieren, sodass mir mehr Zeit zum Schreiben der Artikel bleibt und ich mich weniger mit Buchhaltung und Co. beschäftigen muss.

Herausforderung Atlantik

Eine große Herausforderung steht vermutlich im kommenden Winter an: Aktuell ist der Plan, dann die Überfahrt in die Karibik anzutreten. Das bedeutet unter anderem 3-4 Wochen ohne Internet. Wie sich das mit dem Betrieb des Shops vereinbaren lässt, steht jetzt noch in den Sternen. Aber ich bin sicher, dass ich auch hierfür eine Lösung finden werde… Ich halte euch auf dem Laufenden!

Ich möchte mich an dieser noch einmal herzlich bei allen Lesern der KlabauterKiste, allen Mitgliedern von BootsBastler.org und allen Kunden im Klabauter-Shop bedanken. Mir macht es großen Spaß, mit und für euch an diesen Projekten zu arbeiten. Ich freue mich immer über Feedback, Ideen und Verbesserungsvorschläge und natürlich den Austausch mit euch. Schreibt mir gerne einen Kommentar oder eine Mail.

Leave a Comment:

2 comments
Alex says 11. April 2020

Hallo Jan, Dein Blog gefällt mir sehr gut und inspiriert mich. Wenn die Zeit für mich gekommen ist, werde ich auch versuchen, einmal mit dem eigenen Boot den Trip bis nach Lagos zu machen. Auch die Seite Bootsbastler.org gefällt mir. Ich bin selbst leidenschaftlicher Universaldilletant und habe an meinen diversen Booten immer mit großer Begeisterung die ein oder andere Verbesserung versucht anzubringen. Ich habe hier https://yachttechnik.platen.de mal versucht, einige der Maßnahmen mal zu beschreiben. Wie ist Deine Einschätzung, ganz ehrlich: zu dilettantisch oder zu detailversessen oder möglicherweise für einen Austausch mit anderen Bastlern interessant?
Viele Grüße und weiterhin alles Gute auf Deiner Reise
Alex

Reply
    Jan says 12. April 2020

    Hallo Alex,

    ich finde deine Seite sehr gelungen und werde sie gerne auch in die Liste der Refit-Websites auf der KlabauterKiste aufnehmen. Werde heute Abend mal ein wenig mehr drin „rumschnüffeln“. 🙂

    Liebe Grüße von Bord und frohe Ostern!
    Jan

    Reply
Add Your Reply